Migration in Deutschland

Wer neu ist, steht vor vielen Aufgaben das gilt in einem neuen Job, einer neuen Stadt und ganz besonders in einem neuen Land. Was Migration und Integration in Deutschland ausmacht, stellt unsere neue Themenkarte vor. Hier im Blog Einblicke in die Recherche und Entwicklung des Designs.

Migration ist voller Veränderung und Widersprüche. Leben werden entschieden, verschoben, gerettet und verloren. Während der Recherche sind wir immer wieder auf wundervolle und auf fürchterliche Geschichten gestoßen, haben in der Redaktion über Begrifflichkeiten und die Relevanz sowie das Layout des Themas diskutiert. Gerade bei Migration ist ein sensibler Sprachgebrauch notwendig, werden doch immer wieder problematische Begriffe in den öffentlichen Diskurs eingeführt. “Flüchtlingskrise”, “Migrationswellen”, “Obergrenze”. An dieser Stelle müssen wir natürlich zugeben: Auch wir können den Anspruch eines neutralen Berichterstatters nicht erfüllen – denn auch wir sind subjektiv. Schließlich sitzen in der Redaktion von Der Kontext keine Roboter mit künstlichen Intelligenzen 😉 Die Betrachtung aus unterschiedlichen Perspektiven entspricht jedoch unserem journalistischen Arbeitskonzept. Die Eingrenzung eines Themas erfolgt nicht durch den Takt tagesaktueller Medien oder der vorgegebenen Länge eines Artikels. Der große Raum unserer Themenlandkarte wird dem Anspruch gerecht, sich auch auf ungewöhnliche Perspektiven einzulassen, dazuzulernen und eigene Perspektiven zu hinterfragen. Schließlich soll Themen-Tieftauchen keine Vorurteile bestätigen, sondern eine überlegte Meinung ermöglichen.

Wir suchen den gemeinsamen Dialog

Uns fiel beim Erkunden der Berichterstattung und in Gesprächen auf, dass Vertreter gegensätzlicher, auch radikaler Einstellungen, keinen gemeinsamen Dialog suchen. Menschen, die 2015 die Willkommenskultur feierten und sich für Geflüchtete engagieren, zeigen für gewöhnlich kein Verständnis für jene, die sich auf Pegida-Demonstrationen sehen lassen und den Anstieg an Migration nicht gutheißen – genauso umgekehrt. Das ist an sich nichts Neues, schließlich ziehen Menschen oft die Gesellschaft Gleichgesinnter vor – sonst könnte es passieren, dass der Andere die eigene Meinung hinterfragt und das eigene Weltbild ins Wanken gerät. Dass wir nicht ständig Lust darauf haben, unsere Überzeugungen über den Haufen zu werfen, ist verständlich, verhindert aber zugleich offene und konstruktive Gespräche: Beide Seiten treten dann auf der Stelle. In unserer Arbeit trauten wir uns über politische Schützengräben und streckten die Fühler nach Daten, Fakten, Engagement und Lösungsmöglichkeiten aus.  

Perspektivenwechsel

Neun Interviewpartner ließen uns an ihrem Wissen teilhaben und halfen beim Blick über den eigenen Tellerrand hinaus. Bernd Kasparek, Vorsitzender der NGO Bordermonitoring, verdeutlichte, dass sich Migration als Wunsch nach einem besseren Leben nicht mit der auf Asyl fokussierten Migrationspolitik Europas zufrieden gibt. Wenn auch das Asylwesen im Mittelpunkt der europäischen Migrationspolitik steht, so gibt es doch auch andere Formen der Migration. Zahlreiche EU-Bürger und Drittstaatsangehörige ziehen aus beruflichen oder privaten Gründen nach Deutschland. Für Bleiberecht und Sozialleistungen müssen sie bürokratische Prozesse durchlaufen. Der Staat fordert Nachweise und Entscheidungen, die manche Betroffene verweigern. Sie müssten Dokumente wie etwa Visum, Arbeitsvertrag oder Meldezettel vorlegen. Politische Versäumnisse und Schattenseiten der Migration zeigen sich. Armut, Menschenhandel, Illegalität und Ausweglosigkeit sind uns bei der Recherche in diese Richtung oft begegnet. Aber auch Positives wie Freizügigkeit, Wachstum, Respekt, Bereicherung, Integration und Ausbildung.

Migration spielt sich jedoch nicht nur zwischen Polizeistellen und Bürogebäuden ab. Sie bringt neue Gerüche, Farben, Religionen und Kulturen mit sich. Vor allem Migranten der zweiten Generation entwickeln neue Identitäten. Tradierte Bräuche und Einstellungen erzeugen Spannungsfelder. Wer ist richtig deutsch? Dürfen Frauen Kopftücher oder sogar einen Niqāb tragen? Spielt der junge Türke den konservativen Macho oder trägt er den Vollbart mit Brille um ein Hipster zu sein? Fremde Menschen erzeugen bei uns nicht selten Unsicherheit. Soziale Abstiegsängste kribbeln im Bauch, obwohl die Fakten das Gegenteil sagen. Auch wenn der Staat kurzfristig für die Integration Mehrkosten zu tragen hat, braucht sich niemand Sorgen um seine Rente machen. Langfristig, so die Ergebnisse aus Studien, sorgen Migranten sogar für ein Plus in den Staatskassen. Außerdem haben wir herausgefunden, dass die überwiegende Mehrheit der Ursprungsbevölkerung durch die Ankunft von Migranten sozial aufsteigt. Für den Supermarkt um die Ecke und dem Bundesverband Bausysteme hat die Einwanderung direkte Folgen: Die Nachfrage von Konsumgütern, Dienstleistungen, Wohnraum und Arbeitsplätzen steigt. Viele Migranten finden in Branchen Platz, die in Europa zu wenig Arbeitnehmer finden, wie etwa in der IT oder auch dort, wo es häufig weniger angenehm ist: Facility Management – Putzen. Die Anstellung ist gerade in der Landwirtschaft, Gastronomie oder am Bau häufig illegal und mit schlechten Arbeitsbedingungen verbunden.

Neue Farbspektren

Wie anfangs erwähnt ist Migration voller Veränderung – dieser Gedanke darf Angst machen. Die Auseinandersetzung mit Herausforderungen der Migration ist schließlich auch mit Unsicherheiten, Konfrontationen und Unverständnis verbunden. Aber niemand verlangt von uns, dass wir unsere Kultur aufgeben oder uns auch mal ins Gummiboot von Libyen nach Italien setzen. Vielmehr schafft Migration Begegnungsräume, Innovation und kann mit gemeinsamer Anstrengung zu Wirtschaftswachstum führen. Im Kennenlernen und Ausprobieren eröffnen sich bunte Farbspektren zwischen Schwarz und Weiß, Gemeinsamkeiten und Unterschiede zeigen sich. Und schließlich fügen sich neue Erfahrungen in unser Leben aneinander wie tiefblaue oder kirschrote Mosaiksteine in einem Kaleidoskop.

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Bernhard Scholz

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