Willkommen im Gedächtnispalast!

Na, können Sie sich so besser an Martini auf der Einkaufsliste erinnern? Foto: Instagram/Screenshot

Sehen Sie die Kuh mit den lilafarbenen Flecken da hinten neben dem kleinen roten Kühlschrank, wie sie sich in der Milchkanne suhlt? Oder da oben, sehen Sie, da sitzt Dita Von Teese in einem riesigen, blau schimmernden Martiniglas im Treppenhaus! Kommen Sie mit, hier hoch, da gibt es noch mehr: Auf dem runden Himmelbett tanzen die Lachse in Baströckchen zu Trommelmusik, Zitronen sonnen sich unter der Schreibtischlampe.

Willkommen in meinem Gedächtnispalast. Hier finden Sie alles, an das ich mich bei meinem nächsten Einkauf erinnern möchte: Milch, Martini, Lachs, Zitronen. Manchmal finden Sie hier auch die 118 Elemente des Periondensystems oder die Bauteile der neuen Kaffeemaschine, die ich noch zusammensetzen muss. Es lässt sich alles ganz individuell einrichten. Nichts muss, alles kann. Je nach Geschmack.

Aber warum sind wir hier?

Weil wir so verdammt gut darin sind, mentale Karten zu erstellen und Bilder in unserem Gedächtnis abzurufen, dass wir es selbst kaum bemerken:

Erinnern Sie sich daran, als Sie das letzte Mal das Licht vor dem Schlafengehen in einem Hotelzimmer ausgeknipst haben und dann noch durch den dunklen Raum tappen mussten? Sie wussten genau, wo Sie hintreten können, wo der Stuhl, wo das Bett steht. Ich bin vor Kurzem umgezogen. Den Weg von der U-Bahnhaltestelle zu meiner neuen Wohnung kann ich mental ablaufen. Ich kann Ihnen jede Lücke in der Überdachung der Station zeigen, durch die mir der Regen auf die Stirn fällt, jedes Geschäft, an dem ich vorbeilaufe, die Vitrine im Café gegenüber, aus der die Bedienung den Kuchen holt und anschneidet.

Dass wir solche Bilder einfach abrufen können, sollten wir nutzen.

Denn: Das menschliche Gedächtnis kann Wissen über visuelle Reize besser speichern. Verhaltensforscher nennen das kognitives Lernen. Man nutzt seine kognitiven Fähigkeiten — Wahrnehmung, Vorstellung, Sprache — um sich Wissen anzueignen. Warum? Stellen wir eine Verbindung zwischen mehreren Informationen her, wie dem Raum, der Route und dazu eine bestimmte Szene oder ein Bild, dann entsteht eine Assoziation, die wiederum leichter ins Langzeitgedächtnis rutschen kann als der bloße Fakt. In Kombination mit einem Mindmap lassen sich so ganze Themengebiete bildhaft aufarbeiten und im Gedächtnis verankern.

Diese Fähigkeit ist genetisch bedingt. Schon für unsere Vorfahren war es überlebenswichtig, zu wissen: Diese Pflanze ist giftig, diese Spur gehört zu einem gefährlichen Tier. Diese Fähigkeit ist nach der Erfindung des Buchdrucks immer weiter in Vergessenheit geraten. Heute nutzen wir für (fast) alles, was wir uns merken wollen, unser Smartphone. Dem ein oder anderen liest Alexa die Einkaufsliste im Supermarkt vor.

Cicero nutzte die Loci-Methode, um sich seine Reden zu merken. Foto: Tonynetone/Flickr

Doch abstrakte Informationen, komplexe Themen oder Faktenwissen schnell aus dem Gedächtnis abrufen zu können, kann extrem hilfreich sein, oft spart es Zeit, sich in einem Themenkomplex zurecht zu finden führt aber auch zu besseren Entscheidungen. Deswegen wollen wir das trainieren. Mit der Loci-Methode. “Loci” kommt aus dem Lateinischen und steht für ein Gebiet, einen Ort. Die Methode ist eine Assoziationstechnik, die bereits im 1. Jahrhundert vor Christus in der Rhetorica ad Herennium aufgeschrieben wurde. Während der römischen Antike hat Cicero sie für seine Reden vor Gericht oder dem Volk genutzt. Heute nutzen sie Gedächtnis-Athleten. Leute wie Joshua Foer, der sich damit 2011 für die US-amerikanischen Gedächtnisweltmeisterschaften vorbereitet und das in einem Buch verarbeitet hat. Sherlock Holmes nutzt die Methode in der gleichnamigen BBC-Serie: Sucht er nach einer wichtigen Information, ruft er sich den Raum, in dem er sie abgestellt hat, ins Gedächtnis und unterhält sich dort sogar mit Experten.

Der Gedächtnispalast ist eine Weiterentwicklung der Loci-Methode: Ist der Raum oder das kleine Haus bereits belegt, bauen wir einfach an, denken uns einen neuen Raum oder ein ganzes Stockwerk aus. Wie der Name der Methode schon sagt, bauen wir uns quasi einen Palast, den wir mit Informationen füllen.

So könnte Ihr Gedankenpalast aussehen – oder auch ganz anders. Foto: Vadim Sherbakov/Unsplash

Denken Sie an einen Ort, der Ihnen sehr bekannt ist, vielleicht das Haus ihrer Kindheit, oder ein Schloss, das Sie mal besichtigt haben. Es kann auch ein Phantasieort sein, wie Forscher der University of Alberta herausgefunden haben. Der Ort muss noch nicht vollständig sein, wir erbauen ihn uns nach und nach.

Wir betreten den Ort. Er hat eine Raumaufteilung: Küche, Bad, Schlafzimmer, Keller, Dachstuhl. Je nach Thema füllen wir die Räume mit Leben, schmücken sie so eindrücklich wie möglich: Wie riecht es dort, was hört man dort, was steht auf dem Boden, was hängt an den Wänden? Sinneseindrücke, die mit Emotionen wie Freude, Spannung, Aufregung verbunden sind, kann man sich noch besser merken. Verbinden Sie den Raum mit dem Thema: Geht es um das Periodensystem, dann sieht er vielleicht aus wie ein Labor. Geht es um Anatomie, dann befinden wir uns vielleicht im menschlichen Körper.

Jeder Raum hat ein Thema

Es geht darum, den Raum mit Wissen zu füllen: Nehmen wir die Länder-Rangliste der Pressefreiheit. Wir wollen uns die Reihenfolge der Länder merken. Die ersten vier sind Norwegen, Finnland, Schweden und die Niederlande. Wir denken uns eine Kurzgeschichte dazu aus, verbildlichen darin diese Länder mit typischen Szenen und gehen so sicher, dass wir nichts vergessen haben. Die Bilder können lustig, merkwürdig, sexuell aufgeladen sein.

Je skurriler, desto besser, aber nie sinnlos: Vor der Tür meines Palastes fließt ein Fluss, darin angelt ein Norweger mit Fischermütze gerade Seelachse, ich springe über den Fluss und komme rein. Im Flur ist es ziemlich heiß, alles ist mit hellem Holz vertäfelt, in der Ecke macht ein nackter Finne, das Handtuch lässig über der Schulter, einen Aufguss. Ich gehe weiter. Eine große blonde Frau steht am Herd in der Küche und brät Fleischbällchen, es gibt Köttbullar, die Wände sind in gelb und blau gestrichen. Am Tisch um die Ecke sitzt Frau Antje mit ihrer weißen Haube auf dem Kopf und reibt Käse. Diese kleine Kurzgeschichte könnte Ihnen dabei helfen, die Rangliste der Länder mit der größten Pressefreiheit zu verinnerlichen: Norwegen, Finnland, Schweden, die Niederlande.

Die Informationen können natürlich auch im selben Raum liegen. Will man sie sich in einer bestimmten Reihenfolge merken, hilft eine Route: Man geht den Raum beispielsweise im Uhrzeigersinn ab, oder nutzt den eigenen Körper als Gedankenstütze, ordnet von den Füßen bis zum Kopf jedem Körperteil eine Information zu.

Hier finden Sie beispielsweise einen Gedankenpalast zum Ablauf der Ereignisse des Ersten Weltkriegs.

Dass sich die Loci-Methode bewährt hat, zeigen Studien: So können sich Menschen im Schnitt eigentlich nur bis zu sieben Zahlen merken. Als man zwei Teilnehmern einer Studie die Methode erklärt hatte und sie in 86 experimentellen Sitzungen immer wieder anwenden ließ, erinnerte sich ein Teilnehmer an 90 Zahlen, die ihm im 1-Sekunden-Takt nacheinander angezeigt wurden. Wichtig ist: Immer wieder die Räume abgehen, nur so festigt sich das Wissen und man entdeckt Wissenslücken!

Hier kann man sich selbst testen.

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Maria Christoph

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